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Geschichten aus der Schulzeit mit der Moral: Lehrer und Direktoren können auch noch was lernen! von Dorothee Rolle Nach ihrer Knochenmarkstransplantation war Katja noch nicht ganz fit. Sie wollte aber genau wie ihre gleichaltrigen Freundinnen und wie es sich gehört unbedingt mit sechs in die Schule gehen. Die Ärzte stimmten endlich zu. Um Probleme auszuschließen, informierte ihre Mutti die Klassenlehrerin und die Direktorin Frau Wermelskirch über Katjas Krankengeschichte. In der ersten Klasse gab es noch keine größeren Schwierigkeiten. Den Weg in die erste Etage zum Klassenraum schaffte sie zwar nur ohne Schultasche, aber zum Glück hatte sie immer Hilfe von ihrer Mutti. Katja merkte bald, dass alle Mitschüler viel schneller waren und sie selbst große Anstrengungen aufbringen musste um mitzuhalten. Aber Sie versuchte immer so normal wie möglich zu sein. In der zweiten Klasse wurden die Hindernisse dann auch größer. Der Klassenraum lag nun in der zweiten Etage, da die Direktorin der Ansicht war, dass die Klassenjahre immer mit den Stockwerken übereinstimmen müssten. Was für Katja jetzt eine große Anstrengung bedeutete. Den Weg zur Sporthalle hätte sie hübsch langsam mit Pausen noch geschafft. Das Problem war nur, dass ihre Mitschüler gar nicht daran dachten hübsch langsam zu laufen. Und weil sie nicht zurückbleiben wollte, versuchte sie so gut sie konnte Schritt zuhalten. Später hatte sie Hilfe von einer guten Freundin, die sie manchmal auf dem Rücken trug, was aber auch nicht die Lösung war.[i] Bei Ausflügen und Wandertagen musste Katja ihre Mutti um Hilfe bitten, da sie weite Wanderungen ja nicht alleine schaffte. Leider behielt die Lehrerin Ziel und Datum des Ausflugs gern geheim.[ii] In der dritten Klasse wurde der Klassenraum dann na? logisch in den dritten Stock verlegt. Nun durfte Katjas Mutti jeden Morgen ihre Tochter samt Schultasche nach oben schleppen.[iii] Katja brauchte jetzt eine Befreiung vom Sportunterricht, denn die Treppen und der weite Weg waren zu anstrengend für sie. Das gleiche galt für die Pausen: Das ständige Rauf und Runter schaffte sie einfach nicht mehr. „Warum kann ich nicht mit Doro einfach im Klassenzimmer bleiben?“, schlug Katja vor. Die Lehrerin wiegte bedenklich den Kopf: „Meinst du? Aber wenn Doro sich nun nicht genügend austoben kann?“ Sie sollte leider Recht behalten.[iv] Katjas Eltern ergriffen die Initiative. Im Gespräch versuchten sie, die Direktorin Frau Wermelskirch und die Klassenlehrerin zu überzeugen den Klassenraum zu verlegen. „Nein, das geht überhaupt nicht“, jammerte Frau Wermelskirch. „Wir haben keinen Hausmeister der die kleinen Stühle der Erstklässler umräumen kann.“ Sie meinte Stühle der Erstklässler in der ersten Etage. Glücklicherweise kannte Katja von ihren häufigen Untersuchungen den Krankenhauslehrer Herrn Hoffmann. Er eilte zur Hilfe, erklärte den Mitschülern Katjas Krankheit und führte ein Gespräch mit Frau Wermelskirch. Das ohne Ergebnis blieb. Jetzt mobilisierten Katjas Eltern den Elternbeirat. Der Umzug in die erste Etage wurde beschlossen und auch prompt umgesetzt vom gesamten Elternbeirat und vielen anderen Helfern mit Ausnahme der Direktorin. Die vierte Klasse. Normalerweise hätte jetzt der vierte Stock gedroht. Aber Katjas Klassenraum durfte stillschweigend im Ersten bleiben. Wenn die Mutti sie brachte reichte es die Schultasche zu tragen. Die Treppen schaffte Katja jetzt grade so. Trotz häufiger krankheitsbedingter Fehlzeiten schaffte sie die Empfehlung fürs Gymnasium. Die Mutti weihte nun den Direktor und die Klassenlehrerin des Gymnasiums ein. Katjas körperlicher Zustand wurde nicht besser, die Schultasche schwerer und die Wege länger. Man hatte kein festes Klassenzimmer mehr und musste mitsamt Gepäck von Raum zu Raum wandern. Katja konnte von Glück sprechen, wenn ihr jemand beim Tragen half. Einen Fahrstuhl gab es zwar, doch das Gebäude war groß, die Gänge lang der Fahrstuhl befand sich natürlich immer am falschen Ende.[v] Ihr Krankenhauslehrer und der behandelnder Arzt besuchten die Schule. Sie beantworteten alle Fragen der Klassenkameraden und sprachen mit den Lehrern. Die Wirkung war: Man stritt sich sogar um Katjas Schultasche. Nach ein oder zwei Wochen, sobald sie einen ihrer häufigen Infekte hatte und nicht zur Schule kam, ließ der Eifer aber rasch wieder nach. Es war immer ziemlich schwierig für sie den Stoff nachzuholen. Das bedeutete herumzutelefonieren: Wer ihr die Hefte ausleihen, wer die Aufgaben bringen könnte. Meistens waren die Sachen nicht ganz vollständig. Dann musste sie den neuen Stoff verstehen, ohne dass es ihr ein Lehrer erklärte.[vi] Trotz ständiger Versuche der Eltern, mit den Lehrern Lösungen zu finden, kamen sie nicht auf einen Nenner.[vii] Der Direktor erklärte rigoros: „Wegen einer Schülerin können wir nicht die ganze Schule umräumen.“ Auch das Thema Ansprechpartner ließ man unter den Tisch fallen: „Ich kann mich doch da nicht einmischen“, war die Aussage des Klassenlehrers. So schlängelte Katja sich weiter in ihrem Hürdenslalom. Ab der achten Klasse traten infolge ihrer körperlichen Schwäche Konzentrationsprobleme und Kopfschmerzen durch Sauerstoffmangel auf. Nun kam Katjas Ärztin in die Schule und demonstrierte den Klassenkameraden einen Lungenfunktionstest. Anschließend verglich sie das Ergebnis mit Katjas Werten. So wurde ihr Gesundheitszustand den Mitschülern und Lehrern anschaulich erklärt. Darauf wurde versucht ihr längere Schreibzeiten für Klassenarbeiten einzuräumen. Da die Lehrer ihre eigenen Vorstellungen der Durchsetzung hatten, artete es für Katja in noch mehr Stress aus, der sie erst recht müde machte. Also wurde den Lehrern nahe gelegt die Klassenarbeiten zu halbieren. Von nun an waren beide Methoden im Rennen. Bis sich endlich die für Katja Bessere durchsetzte. Eifersüchtig wachten vor allem die Jungs über angebliche Bevorzugungen von Katja.[viii] Aber die Lehrer wollten sich ja nicht einmischen. Ab der neunten Klasse konnte Katja nicht mehr ohne Fünfliter-Sauerstofftank in die Schule gehen. Die Mutti begleitete sie am ersten Schultag mit in die Klasse. Sie erklärte den Mitschülern Katjas Zustand und fragte, ob jemand bereit sei, ihr beim Tragen der Schultasche und des Sauerstoffgeräts zu helfen. Es meldete sich lange Zeit niemand.[ix] Auch in diesem Schuljahr lag der Klassenraum wieder 100 m vom Fahrstuhl entfernt. Und wieder konnte nicht umgeräumt werden. Nach vier Wochen musste Katja passen. Die Eltern beantragten Hausunterricht. Da die Schulleitung mittlerweile gewechselt hatte, tendierte die Unterstützung gen Null. Kein Lehrer sei bereit ihr Hausunterricht zu erteilen, war die einzige Auskunft, die sie aus der Direktion kam. Nach einem Telefonat mit dem Oberschulamt war es auf einmal kein Problem mehr. Katja bekam Hausunterricht in Mathe, Deutsch, Latein und Englisch. Die Deutschlehrerin, Frau Eckarth., integrierte sie wieder in die Klasse. Einmal in der Woche ging Katja nun sogar für eine Stunde in die Schule. Der Lateinunterricht wurde zusammen mit dem Hauslehrer, Herrn Caputh., zu einem ihrer Lieblingsfächer. Sie wurde mit ihrer Mutti zu Ausflügen eingeladen. Zusammen mit dem Krankenhauslehrer organisierte Frau Eckarth einen Besuch der Klasse zur Klinik nach Tübingen. Hier konnten sie live miterleben, was jeder Untersuchungstermin für Katja bedeutete. Katja machte die Reiseleiterin und führte die Klasse auf einen Stadtrundgang durch die Tübinger Altstadt. Sie zeigte ihnen den Hölderlinturm, das Fenster aus dem Goethe kotzte, die Buchhandlung in der Hesse seine Buchhändlerlehre absolvierte und vieles mehr. Nach ein paar Wochen Unterricht stellte der Direktor fest, dass die Englischlehrerin leider nicht mehr kommen konnte. Er versicherte, sich um Ersatz zu bemühen. Nur dummerweise verstrich das restliche Schuljahr ohne Englischunterricht.[x] Plötzlich war es fraglich, ob Katja in die nächste Klasse versetzt würde. „ Tut mir leid, die mündlichen Leistungen sind nicht ausreichend. Diese Versetzterei einfach so, das geht nicht, man muss sich schon ein bisschen anstrengen. Es können keine Exra-Würste gebraten werden “, ereiferte sich der Direktor. Er wollte Katja wieder in eine andere Klasse versetzten, wodurch sie abermals aus dem Klassenverband gerissen worden wäre. Nur durch die rasche Hilfe des Herrn Hoffmanns und das Engagement Frau Eckarths wurde Katja versetzt und durfte in ihrer Klasse bleiben. So nahm die Geschichte doch noch ein gutes Ende. [i] Hätte die Klassenlehrerin ihr eine Schülerin als Begleitung zur Seite gestellt, wäre es möglich gewesen langsam zusammen zu gehen. [ii] Für Katja und ihre Eltern wäre es gut gewesen, rechtzeitig über die Ausflugsziele Bescheid zu wissen. [iii] Wenn der Klassenraum nicht immer höher gewandert wäre, hätte man ihnen einiges ersparen können. [iv]Hätte die Lehrerin wechselnde Schüler eingeteilt, wäre das Problem aus der Welt gewesen. [v]Warum konnten nicht verantwortliche Schüler für Katjas Rucksack und ihre Begleitung eingeteilt werden? Am Schuljahresende hätte man Auszeichnungen für soziales Verhalten austeilen können, wie es sonst durchaus üblich war. [vi] Gerne hätte sie einen Mitschüler als Ansprechpartner für diese Fälle gehabt. [vii] Ein Klassenzimmer nahe am Fahrstuhl hätte die Wege für Katja erheblich verkürzt. [viii] Es wäre besser gewesen, hätten die Lehrer die Situationen entschärft. [ix] Warum hat die Lehrerin keine Vorschläge zur Organisation gemacht und vor allem: Warum hat sie die peinliche Stille nicht unterbrochen? [x] Warum hat sich der Direktor nicht rechtzeitig über den Hausunterricht und über die Möglichkeiten eines Abschlusses informiert? Dorothee Rolle, Weihnachten 2005 |
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